Mamma-Karzinom
Zur Zeit erkranken in Deutschland
pro Jahr ca. 50.000 Frauen an Brustkrebs
19000 sterben jährlich daran. Bei
einer mittleren Lebenserwartung von 86
Jahren beträgt das lebenslange Risiko
1 : 8 und ist damit bei 12%.
Ungeachtet verbesserter und erfolgreicher
Therapiemethoden und verbesserter Überlebenschancen
fordert diese erdrückende Zahlenlast
ein Umdenken in Richtung effektiver
Primärprävention. Denn
der Gewinn an Heilungschancen durch
verbesserte und optimierte Behandlungsmethoden
wird durch die Zunahme der Brustkrebserkrankungen,
nicht nur in den westlichen Ländern,
sondern auch in den so genannten
Schwellenländern nahezu kompensiert.
Prävention wird sehr unscharf
beschrieben. Passend zum Zeitpunkt
der Intervention unterscheidet man:
Primärprävention Maßnahmen, welche persönliche
Risiken, bzw. präliminare Symptome
eliminieren.
Sekundärprävention Konkrete Erfassung und Beseitigung
vorhandener gesicherter, zur Erkrankung
führender Risiken und Befunde.
Tertiärprävention
Maßnahmen nach eingetretener
Erkrankung im Sinne von Rehabilitation.
Unter Gesundheitsförderung sind
Maßnahmen zu verstehen, welche
generell Gesundheit, gesundes Verhalten
und optimale Organfunktion fördern,
mit dem Ziel, Krankheit zu vermeiden.
Jede Prävention sollte auf
die mögliche individuelle Ursache
gerichtet sein, die in Risikofaktoren
und Risikodeterminanten beschrieben
werden.
Aus den zahlreichen Kontroll- und
Kohortenstudien sind mit Hilfe epidemiologischer,
statistischer Methoden zahlreiche
Risikofaktoren elaboriert worden:
1.
Genetisches Risiko
Sog. Brustkrebsgen
BRCA 1, BRCA 2 ( 3-10% abhängig
von Ethnie)), Polymorphismen (SNP
= Single Nucleotide Polymorphism)
wichtiger, die Mamma-Proliferation
regulierender Gene.
- Anamnestische Risikofaktoren :
Alter, Geschlecht, familiär-hereditäre
Belastung, Anthropomorphie, reproduktive
Faktoren (Frühmenarche, späte
Menopause, frühe bzw. späte
1. Schwangerschaft).
- Lebensstilfaktoren: Ernährung,
Genussmittel (Alkohol, Nikotin),
Mangel an körperlicher Aktivität.
- Endogene und exogene
Hormone, insbes. Estrogene
Jeder der beschriebenen Risikofaktoren
trägt einzeln, oder in Kombination
mit anderen Faktoren interaktiv zur
Steigerung der individuellen Wahrscheinlichkeit
für die Entstehung (= Initiation)
und Fortschreiten (= Progression)
des Mamma-Ca bei.
Risiko-Erkennung
Die
ersten Brustkrebs-Kalkulatoren wurden
von Gail et al (1989) mit dem sog. „Gail-model“ entwickelt
und später mehrfach modifiziert
(4, 6). In diesem praktischen Score,
den man jederzeit auf der Website
aufrufen und berechnen kann (http.medcalc3000.com/gail99.htm)
sind nur wenige Risikofaktoren eingeschlossen
(aktuelles Alter, Alter bei der Menarche,
Alter bei erster Geburt, Anzahl vorangegangener
Biopsien und Anzahl der Verwandten
1. Grades mit Mammakarzinom) und
in einer Nachberechnung verbessert
worden (3)
Die Erweiterung der Datenerhebung
(Rosner und Colditz,2000) hat keine
wesentlichpräzisere Risiko-Aussage
erreicht. Zur Ermittlung vorwiegend
genetisch hereditärer Risiken
des Mamma-Ca wurde ein eigener Risiko-Score
von Claus et al.(2) entwickelt. Testen
Sie das individuelle Mamma-Ca Risiko
bei uns!
2. SNP-Diagnostik:
Bestimmung genetischer Polymorphismen
zur Beurteilung des Mammakarzinom-Risikos
In
folgenden Genen sind Polymorphismen
mit verändertem, individuellem
Mammakarzinomrisiko beschrieben:
• CYP
19 (Aromatase),
• CYP 1A1 (Estradiol-Metabolismus
und Detoxifikation, insbes. Raucherinnen)
•CYP 1B1 (Estradiol-Metabolismus zu proangiogenetischen 4OH-Estradiol)
•CYP 17
(17 a -Hydroxylase)
•COMT (Catechol-O-Methyltransferase
= Estradiolabbau)
• SRD 5A2 (17ß-Hydroxysteroid-Dehydroxylase)
•Estradiol-Rezeptor (ER alpha)
•Progesteron-Rezeptor B (hPRB)
•Androgenrezeptor (AR) (Zahl der
CAG-repeats)
• Vitamin-D-Rezeptor (VDR)
•TGFBR1* (TGF ß-Rezeptor)
•GSTM1 und GSTP1 (Glutathion-S-Transferase)
Eine Assoziation von Mammakarzinom
und SNPs ist in zahlreichen Studien
beobachtet worden. So zeigte sich
bei der prospektiven Nurses´ Health
Study (NHS) auf der Basis von über
70.000 Frauen, die seit 1976 in kontinuierlicher
Beobachtung stehen ein Zusammenhang
zwischen Mammakarzinom und der Trägerschaft
von insgesamt 7 SNPs:
Es handelt sich um 3 Mutationen,
die den Sexualsteroidmetabolismus
betreffen (CYP 19, Androgenrezeptor,
Progesteronrezeptor B), ein SNP betrifft
den Detoxifikationsprozess und Metabolismus
von Sexualsteroiden und Schadstoffen
(CYP1A1), zwei den Reparaturmechanismus
und Mutation des Vitamin D-Rezeptors
mit entsprechender Änderung
der Zellzykluskontrolle Siehe Zusammenfassung
bei Tempfer, 2006). Dabei muss man
konstatieren, dass solche Keimbahn-Mutationen
durch zusätzliche somatische
Pathologien (z.B. Adipositas oder
anamnestischen Belastungen und Nikotin)
verstärkt oder abgeschwächt
werden. Auch konnten bestimmte Protektionsmechanismen
bei genetisch auffälligen Patientinnen
dargestellt werden. Aus anderen retospektiven
Studien und Meta-Analysen wurden
weitere vier SNPs als Risikofaktoren
ermittelt, wie die Mutation von TGF ß und
der Glutathion-S-Transferase. Siehe Übersicht
bei Tempfer et al, 2006 (16)
3. Untersuchung zur Mammafunktion
(Mammastatus)
Während bei Früherkennungsuntersuchungen
erste Frühzeichen der bereits
eingetretenen malignen Erkrankungen
detektiert werden, soll im Rahmen
der Präventions-Diagnostik der
veränderte Mamma-Stoffwechsel,
mit meist topischer, verstärkter
Mammaproliferation aufgedeckt und
für gezielte Präventionsmaßnahmen
genützt werden. Die Infrarot
Mammographie (Mammovision)
Firma Inframedic AG, www.inframedic.com)
bietet mit einer hochempfindlichen
Aufnahmetechnik die Möglichkeit,
sowohl metabolische, als auch durch
Perfussionssteigerung initiierte
Alterationen im Brustepithel zu detektieren.
Vorläufige Daten zeigen bei
zahlreichen Frauen Risikozonen der
Brust in Form von regionalen, zum
Teil hormonell, oder entzündlich
bedingter „Wärmebereiche“( hot
areas), die sich gegenüber dem übrigen
unauffälligen Mammagewebe abgrenzen.
Nach Diagnose der dahinterstehenden
Ursachen (Hormone, lokale Inflammation)
besteht die Möglichkeit zur
kausalen Therapie und zur gezielten
topischen Behandlung, z.B. topische
Gels mit Tamoxifen, Aromatasehemmern
(Androstanolon-Gel), COX-Hemmern,
etc. Der Nutzen einer derartigen
Strategie muss allerdings noch in
Form von Studien wissenschaftlich
gesichert werden.
Bislang sind nur empirische Daten
einer Multicenter-Studie verfügbar.
Vorteil der Infrarot-Mammographie
(IRI) ist die hohe Sensibilität,
insbesondere von prämalignen
Veränderungen, Vaskularisationsprozessen
verbunden mit der Möglichkeit
einer apparativen Auswertung mit
Hilfe eines EDV gestützten Berechnungssystems.
Dabei werden die jeweils 84.000 Echttemperatur-
Aufzeichnungen jeder einzelnen Bilddarstellung
der Brust quantifiziert und im Hinblick
auf Seitenungleichheit bzw. Temperaturdiskriminante,
einzelnen Segmenten zugeordnet und
graphisch sowie rechnerisch gekennzeichnet.
Im Hinblick auf die Früherkennung
von Malignomen ist die Infrarot-Mammographie
in einer grossen Studie als hoch
sensitiv beschrieben(12).
Die Mamma-Sonografie ist
in der Lage hormonell-raektive Veränderungen
wie Ödem, Cysten, Mastopathie,
Brustdichte als Zeichen der verstärkten
Mammaepithel-Antwort und damit als
Risikomarker zu deklarieren.
In der Mamografie sind
neben den grobscholligen Makrokalzifikationen,
Cysten und die Dichte des Mammagewebes
ein Risikomarker (der Mastopathie).
4. Mammotrope Faktoren
In
einer erst kürzlich publizierten
Studie (6) wurde aus dem riesigen
Datenmaterial der Nurses´ Health
Study unter den zahlreichen, gemessenen
Hormonwerten Estronsulfat (E1-S)
als optimaler, unabhängiger
Risikomarker für ein Mamma-Ca
ermittelt, gefolgt von Testosteron
und Estradiol. Die unterschiedlichen
Befunde erhöhten das Risiko,
unabhängig vom prädiktiven
Risiko (nach Gail- oder Rosner/Colditz-Risk
Score). Auch die Bestimmung von IGF-1
und IGFBP-3 sind wegen der generellen
Aussage über den zellulären
Proliferationsdruck am Mammaepithel
nützliche Risikomarker, insbes.
in der Prämenopause (7)
Gesichert
wirksame Prävention
des Mammakarzinoms
Ganz
allgemein gesehen benötigt
jede Patientin mit einem erhöhten
Brustkrebs-Risiko auf der Basis der
oben beschriebenen Risikodefinition
eine intensive Beratung und Anleitung
zur Prävention und Risikoreduktion.
Dabei sollten folgende Inhalte besprochen
und konkret beraten werden:
Ernährung
Frauen
mit einem BMI > 32 haben
ein dreifach höheres Lebenszeitrisiko
an Mammakarzinom zu erkranken (1,
20). Eine Gewichtsreduktion muss
jedoch nicht zwangsläufig mit
einer Minderung des Mammakarzinom-Risikos
einhergehen (15). Gemeinsame Kausalfaktoren
(genetische Faktoren, Protektion
des Brustepithels durch Nahrungsbestandteile)
erfordern prospektive zukünftige
Studien zur Überprüfung
der These. Es gibt jedoch eine Fülle
von indirekten Hinweisen einer protektiven
Wirkung bestimmter Ernährungsformen:
Deutlich niedrigere Malignomraten
sind in Ländern mit Olivenanbau
beschrieben, der Grundlage einer „mediterranen
Diät“, reichhaltig an Olivenöl,
Weintrauben, Pasta, Salat, Fisch,
mehr komplexe Kohlenhydrate und mehrfach
ungesättigte Fettsäuren,
sowie geringer Anteil tierischer
Fette (19). Allerdings konnte in
kontrrollierten Studien (WHI Diet
Modification Trial) ein Zusammenhang
zwischen fettarmer, fisch-, früchte-
und gemüsereicher Ernährung
und reduzierter Brustkrebswahrscheinlichkeit
nicht bestätigt werden (14,
17). Anscheinend ist eine alleinige
Fettreduktion ohne Kalorienminderung
und Gewichtsnormalisierung unwirksam.
Kalorienrestrektion
Bei
sämtlichen
Tierspezies konnte durch eine Kalorienreduktion
mit Verbesserung der Genomstabilität,
Minderung von Körpertemperatur,
Insulin und mitochondrialer Radikalenbildung
die Lebensdauer signifikant verlängert
werden (14) Ähnliche Studien
liegen beim Menschen nicht vor, jedoch
ist bei Frauen mit Anorexia nervosa
eine signifikante Minderung des Mammakarzinom-Risikos
bekannt (8, 10).
Körperliche Aktivität
und Sport
Mehrere
Fall-Kontroll-Studien weisen einen
engen Zusammenhang zwischen aeroben
Ausdauersport und Mamma-Ca-Protektion
her. Ungeachtet der Sportdisziplin
(Lauf-, Rad- oder Skilanglaufsport)
besteht ein Gesundheitsvorteil und
damit Mamma-Protektion bei einem
Wochenpensum von 3,5 – 4 Stunden.
(9, 18).
Hormonsubstitution
In
der einzigen placebokontrollierten
prospektiven Studie (WHI Study) war
eine statistisch signifikante Zunahme
der Inzidenz von Mamma-Ca nur bei
kombiniert kontinuierlicher oraler
HRT mit gleichzeitiger Gabe von Estrogen
und Progestagen gemessen worden.
Bei Verordnung von konjugierten Estrogenen
allein, waren deutlich weniger invasive
Mammakarzinome aufgetreten. Diese
Daten deuten darauf, dass eine Substitution
mit Estradiol allein keinen oder
jedenfalls einen erheblich geringeren
Effekt auf das Proliferationsverhalten
des Mamma- und Ductusepithels hat.
Man kann jedoch davon ausgehen, dass
Frauen mit einer genetich manifesten
(SNPs) geringeren Estradiol-Detoxifikation,
pathologischem D-Ring-Metabolismus,
erhöhter Aromatasefunktion und Überexpression
von Estradiolrezeptor a auf Estrogene
empfindlicher und mit verstärkter
Proliferation reagieren. Vor diesem
Hintergrund und gestützt auf
zahlreiche neuere Studien ist der
Wechsel auf eine transdermale Substitution
mit deutlich geringeren Tagesmengen
von Estradiol (in Form von Gel oder
Pflaster bzw. Inlay) vorzuziehen.
Die Verordnung von nativem Progesteron
und Progestagenen sollte wegen der
unklaren Datenlage minimiert bzw.
auf minimale Mengen pro Zeiteinheit
reduziert werden. Ob die Verordnung
von nativem Progesteron oder Didrogeston
Vorteile bringt, sollte in prospektiven
Studien geklärt werden.
Pharmakologische
Prävention
von Mammakarzinom
Tamoxifen, Raloxifen,
Aromatasehemmer
Sowohl durch
Tamoxifen 20 mg, Raloxifen 40 mg war
eine mittlere Risikoreduktion auf RR
0,24 bis 0,62 möglich.
Eine randomisierte Studie mit Aromatasehemmern
wird derzeit durchgeführt (IRBIS
II).
Auch Cox 2 Inhibitoren (NSAR oder
Coxibe) können das Risiko eines
invasiven Mammakarzinoms um 25% -
28% senken.
Vitamin D
Bei deutlicher
Minderversorgung mit nutritiven Vitamin
D (messbar durch die Konzentration
an 25-OH-Vitamin D3) ist die Gabe
von 500 – 1500 IE
Vitamin D3 ratsam.
Operative
Interventionen
Bei hochgradigem
genetischen Risiken (Nachweis von
BRCA 1, 2 Genmutationen), eine intensive
Beratung durch entsprechende Beratungsstellen
für familiäre
Brustkrebs-Anamnese und auch die
persönliche Einstellung können
gelegentlich eine primäre beidseitige
Mastektomie als mögliche Prävention
notwendig machen. Bislang sind 15-jährige
Nachbeobachtungen mit günstigem
Ausgang beschrieben
Zusammenfassung
Risikokalkulatoren
sind eine schnelle Möglichkeit,
das biographische Risiko von Frauen
zu stratifizieren. Es empfiehlt sich
neben dem groben Raster (Gail-model)
die persönlichen
additiven Risiken der Krebsempfindlichkeit
(Rosner und Colditz, 2000) zu beschreiben.
Wegen der j häufigen sporadischen
Mamma-Ca´s, ist eine unabhängige
Gesamtrisikostrategie mit folgenden
Maßnahmen ratsam:
• Genetisches
Risiko (Polymorphismus = SNP-Diagnostik)
• Bestimmung
der mammotropen Hormone (Östronsulfat, Estradiol,
Testosteron, 25-OH-Vitamin D3,
IGF1 / IGFBP 3), sowie
• Funktioneller
Mammastatus (Infrarotmammographie, Sonographie) und Früherkennungsmaßnahmen
(Mammographie evtl. Magnetresonanz-Mammographie).
Zur konkreten
angeleiteten Prävention
eignen sich Indo-mediterrane Ernährungsform,
Gewichtsreduktion bei BMI > 25,
Kalorienrestrektion, Minderung der
täglichen Alkoholmenge und Raucherentwöhnung,
aerober Ausdauersport von 3,5 bis
4 Stunden pro Woche.
Zur pharmakologischen Prävention
eigen sich Tamoxifen, Raloxifen,
Aromatasehemmer, NSAR und COX II-Hemmer
sowie topische Aromatasehemmung an
der Brust.
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