Chronischer
Stress
Pathophysiologie und neurobiologische
Folgen
Stress stellt zunächst ein
lebenserhaltendes Regulationsprinzip
des Körpers dar, auf bedrohliche
Situationen mit einem geeigneten
Reaktionsmuster vitale Erhaltungsvorgänge
schnell zu aktivieren. ´Stress`
stellt somit eine ausgesprochen komplexe
Reaktion dar, welche unterschiedlichste
sensorische, kognitive, emotionelle
und neural-endokrine Systeme aktiviert
und beansprucht.
Abweichend von der ursprünglichen
Interpretation, Stress sei eine unspezifische
Anpassungsreaktion des Körpers
(Selye 1936) wird Stress heute als
komplexe psycho-neuro-endokrine Antwort
auf diverse Auslöser gesehen
(Henry 1986).
Vereinfacht dargestellt
besteht akuter Stress aus drei unterschiedlichen
Komponenten, die von Kaluza (2004)
als ´Stress-Ampel` beschrieben
wurde:
Stressor
(= Auslöser
als belastende Bedingung oder
Situation)
• Physisch: Schmerz, Hitze,
Trauma etc.
• Psychisch: Persönlich, Partnerschaft,
Familie, Umfeld ( Bedrohung, Angst,
Kummer, Störungen, Konflikte
)
• Arbeit: Leistungsforderung, Zeitdruck, Überlastung,
Störungen
Stress-Verstärker: Motive und Einstellungen (zB. Perfektionismus,
Kontrollierendes Verhalten, Selbst-Überforderung,
Ungeduld etc.)
Stress-Reaktion mit
physischer und / oder psychischer
Aktivierung
Diese Stressreaktion kann
sich auf unterschiedlichen psychischen
und organischen Ebenen abspielen.
Diese führen zu diversen Antworten:
1.
Abweichung vom homöostatischen
Gleichgewicht, als einfache subjektiv
und objektiv feststellbare emotionelle
oder körperliche Störung.
2.
Physische Stress-Symptome bestehen
aus einer Vielfalt unspezifischer
Körperantworten. Dabei
beeinflussen Stressreaktionen die
Funktionen von Gefässen (Endothel),
Blut
(Monocyten.
Gerinnung), Inflammation, Regeneration
und Stoffwechsel (Glukose, Fette).
Primäre Mediatoren
sind Vagus, Katecholamine, Stresshormone
und Cytokine mit folgenden Symptomen:
• Aktivierung des ZNS, gesteigerte
Durchblutung
• Atembeschleunigung (Bronchialdilatation)
•Anstieg
des Blutdrucks, Tachycardie, Schwitzen
• Kalte Extremitäten, Zunahme
der Koagulolabilität
• Erhöhte
Energievorhaltung (via Cortisol)
• Erhöhter
Muskeltonus, Reflexsteigerung
• Kurzfristig
verbesserte Immunität
und Schmerztoleranz
Stressantwort
des ZNS (Neurostress)
Im Gehirn
kommt es zu einer massiven Reaktion
mit Hilfe eines komplexen Zusammenspiels
der Ebenen
• Grosshirn
(=kognitive Verarbeitung)
• Limbisches
System (= Schaltstelle für Stressverarbeitung):
Thalamus : hier laufen die sensorischen
Informationen ein und werden weitergeleitet
Amygdala
: Verarbeitung emotionaler Inhalte
• Hypothalamus: Auslösung
unbewusster vegetativer Reaktionen
Locus coeruleus = adrenerge Antwort
(=trockene Stressantwort)
CRF als endokrine Antwort via endogene
Opiate =EOP, ACTH, Cortisol (=feuchte
Stress-Antwort)
Das Zusammenspiel der individuellen
und situationsbezogenen Reaktion
entscheidet über die Art, Intensität
und Länge der Stressantwort.
Der zeitliche Ablauf ist hierarchisch
entsprechend der Dauer der zugrundliegenden
biochemischen Antwort geregelt:
• Vagus:
ultrakurze Reaktion (Millisekunden)
• Sympathikus:
schnelle R. (Sekunden)
•Endokrine Antwort: verzögert
(Minuten)
•Kreislauf, Gerinnung, Stoffwechsel,
Immunsystem: langsame Reaktion.
Bestimmte emotionelle Grundempfindungen
(Ärger, Furcht, Hilflosigkeit)
lösen entsprechende Verhaltensweisen
aus (Kampf, Flucht, Unterordnung),
vermittelt durch unterschiedliche
Konstellationen von Neurotransmittern
(Noradrenalin, Adrenalin) und Hormonen
(Cortisol) (Psychoneuroendokrines
Stressmodell, Henry 1986).
Chronischer
Stress und ´allostatic load`
Wiederholt
oder perpetuiert sich eine Belastungssituation
und kann eine Erholung nicht mehr
stattfinden, resultierte eine chronische
Dauer-Stress-Belastung ( =„allostatic
load“ , McEwen, 1998)
mit erheblichen Auswirkungen. Die
psychoneuroendokrinen Systeme werden
zunächst dauerhaft maximal gefordert
mit Anstieg von
• Cortisol (CRF, ACTH,
EOP) und Katecholaminen
• Androgene,
LH, Cytokine, Prolaktin
• Blutdruck
• Alteration der Herzfrequenz und „heart-rate-variability“ (HRV)
Anschliessend schrittweise psychische
(Burnout-Syndrom) und physische Erschöpfung
(adrenale Insuffizienz, Immun-Insuffizienz
etc.)
Klinische
Folgen von chronischer Stress-Belastung
ZNS: Verlust
von kognitiven Leistungen (Cortisol
wirkt neurotoxisch)
Herz-Kreislauf: Hypertonie,
Arteriosklerose, CVD, Herzinfarkt,
Schlaganfall
Muskel-Skelett :
Myogelosen, FMS
Magen-Darm: Gastritis,
Ulcus, Colon irritabile
Stoffwechsel: BZ-Anstieg,
Hypercholesterinämie, Gewichtszunahme,
Diabetes (= unverbrauchte Energie)
Immun-System: Suppression
von NaturalKillerZellen, TH-Zellen
mit vermehrten Autoimmunerkrankungen,
gehäuften Infekten, Tumorprogression
Sexualität: Libidominderung,
Erektionsprobleme, Infertilität
und Sterilität
Gesteigertes psychisches Risikoverhalten
(Genussmittel, Bewegungsarmut)
Burnout-Syndrom ist
als „Psycho-vegetatives Überforderung-Syndrom“ insbes.
bei sozial- helfenden Berufen, Managern,
Informatiker, Stewardessen, Polizisten,
Lehrern, Pfarrern, sowie bei pflegenden
Angehörigen gehäuft zu
finden (Burisch, 1994)
Im Vordergrund steht die Erschöpfung
mit folgenden Zeichen:
Physisch: Chronische
Müdigkeit, muskuläre Schwäche,
Leistungsminderung, Schlafstörungen,
Myogelosen, Herz-Kreislauf-Störungen,
ggl. Immuninsuffizienz
Psychisch: Depressivität,
innere Leere, Hoffnungslosigkeit,
unmotivierter Ärger, Reizbarkeit,
Energieverlust („Akku ist leer“),
Arbeitsunlust bis -verweigerung
Kognitiv: Verlust
von Kognition und Kreativität,
Zynismus, Negativismus, Soziophobie,
Empathieverlust, Interesselosigkeit
und Rückzugstendenz (beruflich,
privat)
Endokrin: adrenale
Insuffizienz (erniedrigtes DHEAS,
Cortisol),erniedrigte Reproduktionshormone
(Mann: LH, Testosteron, Frau: LH,
Estradiol)
Inhalt und Schweregrad der Burnout-Symptomatik
ist individuell determiniert und
kann sich organisch ausgesprochen
variabel mit unterschiedlichsten
Befund- und Symptom-Kombinationen
darstellen.
Stress-Diagnostik
Gestresste
Patienten/-innen benötigen
ein angemessenes Spektrum an verbalen
und somatischen Massnahmen zur Aufdeckung
und Lösung ihrer Störung.
Um dem komplexen Problem gerecht
zu werden ist eine erweiterte medizinische
Qualität in Form der „integralen
Medizin“ erforderlich, mit Verknüpfung
von „sprechender“ mit „naturwissenschaftlicher“ Medizin.
Dabei werden sowohl verbale subjektive
Einschätzungen der Stress-Auslöser
(= Stressoren), der Stress-Verstärker
(Stress-Test), als auch diagnostische
Methoden zur Messung und Bestimmung
von Art und Intensität der entsprechenden
Stress-Reaktion eingesetzt.
Allgemeine und psychosoziale Anamnese
(Frage nach Beschwerden, Auslöser,
Konfliktfaktoren)
Körperliche Untersuchung
Stress-Test
Das Erkennen von Stressoren
und seiner Verstärker ist gleichermassen
wichtig, wie das Erkennen der individuellen
biochemischen und physikalischen
Stress-Zeichen. Sämtliche Befunde
dienen einerseits in einem longitudinal
ausgerichteten Setting als Orientierungspunkt.
Andrerseits dient dieses konkrete
Befundkluster zur konkreten Motivation
zur Verbesserung die Langzeit-Compliance.
Hier
erfahren Sie mehr über den von uns
entwickelten Stress-Test.
Literatur
Burisch M (1994). Das Burnout-Syndrom.
Springer, Berlin, Heidelberg
Fauteck
JD (2006) Chronobiologie: Leben mit
der inneren Uhr. OM.Zs f Orthomol
Med 3:6-12
Fischer JE (2003) Arbeit,
Stress und kardiovaskuläre Erkrankungen.
Therapeutische Umschau 60:689-696
Henry
JP (1986). Neuroendocrine patterns
of emotional response.
In: Plutchik
H, Kellerman H (eds), Emotion: Theory,
Research and Experiences. Academic
Press, San Diego , Vol 3, p 37-60
Kaluza
G (2004). Stressbewältigung.
Trainigsmanual zur psychologischen
Gesundheitsfördertung. Springer,
Berlin, Heidelberg.
Lazarus RS (1966).
Psychological stress and the coping
process. McGraw Hill , New York
McEwen
BS (1998). Protecting and damaging
effects of stress mediators. N Engl
J Med 338:171-179
Rosengren A, Hawken
S, Ounpuu S, et al, for the INTERHEART
investigators (2004) Association of
psychosocial risk factors with risk
of acute myocardial infarction in 11
119 cases and 13 648 controls from
52 countries (the INTERHEART study):
case-control study. Lancet 364:953-962.
Selye
H (1936). A syndrome produced by diverse
nocous agents. Nature 138:32
Yusuf S,
Hawken S, Ounpuu S, on behalf of the
INTERHEART Study Investigators (2004)
Effect of potentially modifiable risk
factors associated with myocardial
infarction in 52 countries (the INTERHEART
study): case-control study. Lancet
364:937-952. |